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„Ich empfinde meine Arbeit als Privileg“: Prof. Lydia M. Sorokin über Pathobiochemie, Eisvögel, Berg- und Zellwanderungen

Prof. Lydia M. Sorokin (Foto: WWU)

Münster (mfm/ts) – Die Biochemikerin Prof. Lydia M. Sorokin gehört zum Koordinations-Team des Exzellenzclusters „Cells in Motion“ (CiM) und vertritt diesen auch als Sprecherin nach außen. Die gebürtige Australierin promovierte an der Universität in Perth; nach Deutschland kam sie anschließend für ein Postdoktorat an der Universität Tübingen. Sie wurde 1999 an der Universität Erlangen-Nürnberg habilitiert, arbeitete als Professorin an den Universitäten Perth und Lund (Schweden) und wechselte 2005 an die Universität Münster. Hier leitet sie bis heute die Abteilung Pathobiochemie am Institut für Physiologische Chemie und Pathobiochemie der Medizinischen Fakultät. Tim Stelzer sprach mit der Forscherin über ihre Arbeit, den Cluster und dessen Zukunft.

Frau Prof. Sorokin, Sie haben sich für Ihre wissenschaftliche Karriere sehr weit weg von ihrer Heimat Australien bewegt. Was hat Sie nach Ihren Stationen Perth, Tübingen, Erlangen und Lund motiviert, diese Bewegung in Münster abzuschließen?

Sorokin: Ich war immer von der Forschung motiviert. Als ich von Australien nach Tübingen ging, wollte ich etwas über Entwicklungsbiologie lernen. Das war damals in Perth nicht möglich. Nach Erlangen ging ich, um mein Forschungsprojekt für meine Habilitation zu beginnen. Dort habe ich dann auch meinen Mann kennen gelernt [Anm.: Dieser ist ebenfalls Professor an der Medizinischen Fakultät] – und das ist der Grund, warum ich nicht zurück nach Australien gegangen bin (lacht).

Ich habe aber immer den Kontakt mit meiner alten Universität in Perth gehalten und bin dort auch noch „Adjunct Professor“. Als ich dann einen Ruf nach Lund in Schweden bekam, bewarb sich mein Mann gleichzeitig dort und bekam auch eine Professur. Damals war es in Deutschland nicht so einfach, zwei wissenschaftliche Karrieren parallel zu verfolgen – als ausländische Frau sowieso nicht.

Wir waren an der Universität Lund dann ganz glücklich und wären wohl auch dort geblieben, wenn es in Münster nicht eine besondere Situation gegeben hätte: Der Sonderforschungsbereich „Extrazelluläre Matrix“ am Institut für Physiologische Chemie und Pathobiochemie benötigte einen neuen Leiter – und ich wurde gefragt, ob ich Interesse hätte. Zu diesem Zeitpunkt war es dann glücklicherweise schon ein bisschen einfacher, meinen Mann gleich mit zu rekrutieren. Es war also ein langer Weg bis nach Münster – aber immer mit der Forschung im Mittelpunkt.

Sie waren dann in Münster wesentlich daran beteiligt, den Exzellenzcluster „Cells in Motion“ vorzubereiten und 2012 erfolgreich zu starten. Was hat sich dadurch für Sie und Ihre Arbeit verändert?

Der Exzellenzcluster hat für uns alle viel verändert. Er brachte auch viele positive Aspekte mit sich, die wir nicht erwartet hatten – also nicht nur die zusätzlichen Forschungsmöglichkeiten und das Erschließen neuer Gebiete für die Forschung hier. Der Cluster hat für mich darüber hinaus vor allem viel mehr Kontakt zu anderen Fakultäten ermöglicht. Ich arbeite jetzt viel mit den Kollegen in der Chemie und der Mathematik. Das ist etwas, was vorher so nicht möglich war – ganz einfach, weil wir nicht die Infrastruktur des Exzellenzclusters dafür hatten.

Die Vielfalt ist also durch den Cluster größer geworden. Und vielleicht auch die Kreativität, bedingt durch den Kontakt mit den Forschern aus unterschiedlichen Disziplinen. Meine Arbeit hat sich durch den Cluster also wirklich positiv verändert.

Ab wann haben Sie am Thema Exzellenzcluster mitgearbeitet?

Das ging kurz nach meiner Berufung los. Damals gab es noch eine andere Cluster-Bewerbung und ich war mit einem der Teams in Bonn, um das Konzept bei der DFG vorzustellen. Der Antrag war aber leider nicht erfolgreich. [Anm.: Aus dem CEDAD-Antrag entstand dann die gleichnamige Graduiertenschule.] Aber meine Arbeitsbereiche hatten gut zu dem Konzept gepasst. Ich bin nicht nur Matrix-Forscherin und Biochemikern, ich mache zum Beispiel auch viel im Bereich Immunologie und auch der Aspekt Translation spielt für mich eine wichtige Rolle. Durch diesen ersten Antrag entstanden neue Kontakte und Verknüpfungen.

Die Idee zum neuen Exzellenzcluster-Konzept kam dann vom Forschungsbeirat der Universität Münster. Es ging dabei aber noch um zwei Anträge, einer mehr im Bereich Imaging und einer im Bereich Zellbiologie. Michael Schäfers, Volker Gerke und ich wurden gefragt, ob wir das nicht zu einem Konzept zusammenführen könnten. Das haben wir ab 2009 gemacht – und haben das Projekt im Endeffekt auch selber übernommen. Es war ein langer Weg und sehr viel Arbeit, aber immer in einem sehr guten Team. Wir ergänzen uns wissenschaftlich extrem gut und auch in unserer Art, zu denken. Und wir wurden dabei auch immer von vielen Kollegen aus unterschiedlichen Fakultäten unterstützt.

Wie hat sich ihr Arbeitsalltag durch CiM verändert?

Ich arbeite länger. Viel, viel länger (lacht). Es sind selten unter 70 Stunden in der Woche. Aber die Arbeit ist nicht nur länger, sondern auch schöner geworden. Die Interaktion mit den Kollegen der anderen Fachrichtungen macht sehr viel Spaß – man lernt neue Sachen und denkt auf neue Arten. So erschöpft man durch diese interdisziplinäre Arbeitsweise auch neue Konzepte.

Wie viel Zeit haben Sie noch für Ihre eigene Forschung?

Meine Woche ist auch deshalb so lang, weil es mir extrem wichtig ist, meine eigene Forschung weiterzuverfolgen. Das würde ich nie aufgeben. Mit meiner eigenen Forschungsgruppe treffe ich mich jede Woche mindestens ein Mal. Wir haben Team-Meetings und persönliche Gespräche – manchmal auch am Sonntagnachmittag.

Ihr Fachgebiet ist die Pathobiochemie. Was genau beinhaltet das?

Bei „Biochemie“ geht es um die Chemie unseres Körpers – und „Patho“ heißt, dass es um molekulare Prozesse geht, die bei Krankheiten eine Rolle spielen. Der Lehrstuhl ist für Pathobiochemie, mein Forschungsthema ist allerdings etwas spezifischer – die Pathobiochemie ist ein sehr weites Feld. Unsere Forschung hier ist im Bereich Entzündung und Autoimmunerkrankungen angesiedelt. Wir untersuchen, wie Zellen in entzündetes Gewebe eindringen. Und wir untersuchen das auf eine eigentlich eigenartige Art: Wir schauen uns nicht nur die Zellen selbst an, sondern auch das extrazelluläre Umfeld. Das ist eine bestimmte Struktur, die „Extrazelluläre Matrix“ genannt wird – und wir untersuchen, wie sich die Zellen dort hindurchbewegen.

Das ist Grundlagenforschung, die im Cluster aber auch direkt mit der Diagnose von entzündlichen Krankheiten verbunden wird. Wir haben Moleküle identifiziert, die nur da im Gehirn zu finden sind, wo schon ein weißes Blutkörperchen ins Gehirn eingedrungen ist. Zusammen mit den Kollegen aus der Chemie und der Nuklearmedizin haben wir eine Methode entwickelt, wie man dieses Molekül mit einem Farbstoff oder einem radioaktiven Marker verknüpfen kann. Kombiniert mit Visualisierungsprozessen wie PET-Imaging können wir damit beispielsweise bei Multiple-Sklerose-Patienten Entzündungen sehr viel früher entdecken als mit bisherigen Methoden.

Welche Aspekte Ihrer Arbeit bringen Sie persönlich „in Motion“?

Durch den Exzellenzcluster steht für mich die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Vordergrund. Wir treffen uns mit vielen Wissenschaftlern aus unterschiedlichsten Bereichen – das stimuliert die Kreativität und macht auch viel Spaß. Dabei entstehen auch viele „Aha-Momente“. Zum Beispiel, weil wir Zellen hier auch im lebendigen Tier untersuchen können und nicht nur in Schnitten und Proben. Wenn man dann sieht, wie ein weißes Blutkörperchen in einen Lymphknoten oder in die Haut eindringt, gewinnt man daraus viel mehr Informationen. Man kann live beobachten, wie sich die Zelle und die Matrix verformen. Es ist also genau dieser „in Motion“-Aspekt, der uns zu neuen Erkenntnissen führt.

Wie werten Sie Ihre Möglichkeiten im Bereich Forschung am Standort Münster?

Wir haben hier sehr gute Arbeitsbedingungen, und auch für die Fortsetzung der Arbeit des Clusters sehe ich sehr gute Chancen. Auch Kollegen von außerhalb sehen, was wir hier bewegt haben. Nicht nur in wissenschaftlicher Hinsicht, also mit Veröffentlichungen von Ergebnissen: Wir haben hier eine ganz neue Struktur geschaffen, die interdisziplinär und interfakultär funktioniert. Dafür haben wir Biologie mir Chemie, Mathematik, Computerwissenschaften und jetzt auch Physik verbunden. Dafür haben wir von außerhalb sehr viel Ankerkennung und Lob bekommen.

Innerhalb der Medizinischen Fakultät haben wir auch viel verändert: Mit dem neuen Master-Studiengang „Experimentelle Medizin“ bieten wir einen „Career Pathway“ für Mediziner, der es ermöglicht, gute Forschungsarbeit mit der klinischen Ausbildung zu verbinden. Im Bereich Forschung hat sich ebenfalls vieles sehr stark entwickelt, vor allem, was das Überwinden der Grenzen zwischen den Disziplinen betrifft. Daraus ergeben sich auch neue Forschungsfragen, die die Forschung auf neue Wege führen. Ich denke, das gibt uns auch gute Chancen auf einen zweiten Cluster in Münster.

Sie haben am Exzellenzcluster zum Beispiel das regelmäßige Angebot „Brownbag-Lunch“ am Cluster mitinitiiert. Dabei präsentieren junge Forscher in entspannter Atmosphäre – beim Mittagessen aus einem „Brownbag“ – einem interdisziplinären Publikum ihre Arbeit. Welche Vorteile bietet die Wissensvermittlung dieser Art?

Das gehört zu unserer Strategie, die Netzwerkbildung bei jungen Forschern zu fördern. Auch über Fachgrenzen hinweg und schon möglichst früh im Studium. Für junge Studenten ist das sonst nicht so einfach. Sie sollen so auch die Scheu vor diesen Fachgrenzen überwinden und so ihre eigene Kreativität steigern.

Wenn Sie abseits Ihrer vollen Arbeitswoche auch mal Freizeit haben – wie verbringen Sie die?

Ich mag die Natur sehr. Sie bedeutet für mich Entspannung. Ich gehe zu Fuß zur Arbeit und auch wieder zurück – und wenn ich dann im Schlossgarten meinen Eisvogel sehe, dann ist der Tag gerettet (lacht). Außerdem gehen mein Mann und ich gerne Wandern, im Urlaub auch in den Bergen. Trotz meiner langen Arbeitstage lese ich außerdem sehr gerne. Mein Mann und ich hören gerne Musik und besuchen tatsächlich auch ab und zu Konzerte. Aber grundsätzlich identifiziere ich mich sehr stark mit meiner Arbeit. Ich sehe das auch eigentlich nicht als Arbeit – es ist mein Lebensstil. Das alles machen zu dürfen, empfinde ich als Privileg. Und ich bin sehr froh, dieses Privileg zu haben!

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