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Getestet und für gut befunden: Forscher machen „QLPSD“-Fragebogen für Skoliose-Patienten im deutschsprachigen Raum nutzbar

Prof. Tobias Schulte (Foto: RUB / Winzig)

Münster/Bochum (upm) - Wie es Patienten mit Rückenleiden geht, ist nicht allein eine medizinische Frage. Ein wichtiger Faktor ist auch die von den Betroffenen empfundene Lebensqualität. Diesen Aspekt gilt es beispielsweise bei der Behandlung einer Skoliose zu berücksichtigen. Bei dieser Erkrankung ist die Wirbelsäule dreidimensional verkrümmt und verdreht. Wissenschaftler um den Psychologen Dr. Meinald Thielsch von der Universität Münster (WWU) und den Orthopäden Prof. Dr. Tobias Schulte von der Ruhr-Universität Bochum (zuvor Uniklinik Münster) haben jetzt eine deutsche Übersetzung eines auf Spanisch, Englisch, Französisch und Griechisch etablierten Fragebogens zur Selbstwahrnehmung und Lebensqualität erstellt, namentlich "Quality of Life Profile for Spinal Disorders“ (QLPSD). Die deutsche Fassung haben die Forscher in einer Studie erprobt und für geeignet befunden. Damit steht Ärzten, Physiotherapeuten und anderen Experten nun ein neues deutschsprachiges Werkzeug zur Verfügung, mit dem sie sich ein genaues Bild vom Befinden von Patienten mit Skoliose machen können.

Skoliose betrifft rund drei bis fünf Prozent der Bevölkerung, wobei es viele Abstufungen des Schweregrades gibt. "Das Befinden der Patienten hängt einerseits vom Grad der Verkrümmung ab. Allerdings empfinden verschiedene Patienten selbst sehr ähnliche Deformitäten nicht unbedingt als gleichermaßen belastend – es hängt auch von der individuellen Verfassung und zahlreichen weiteren Faktoren ab.  Im Röntgenbild ist also nicht zwingend zu erkennen, wie sich ein Patient fühlt", unterstreicht Tobias Schulte. "Der QLPSD füllt diese Lücke."

Die deutsche Version des QLPSD beruht auf dem bereits 1995 von spanischen Medizinern veröffentlichten Original. Mit ihr können die behandelnden Ärzte von ihren Patienten Informationen zu psychosozialen Problemen, Schlafqualität, Rückenschmerzen, Körperbild und Beweglichkeit innerhalb weniger Minuten standardisiert erfragen. Die deutsche Fassung zeichne sich durch eine hohe Messgenauigkeit und eine große Verlässlichkeit aus, so die Forscher.

Die Wissenschaftler befragten für ihre Studie 255 Patienten mit Skoliose sowie 189 gesunde Vergleichspersonen mit einem mittleren Alter von 30 Jahren. Sie verglichen die QLPSD-Ergebnisse mit den Resultaten von neun weiteren standardisierten Fragebögen zur Lebensqualität, zur Wahrnehmung des eigenen Körpers und zu psychischen Faktoren. Die Studie ist laut den Wissenschaftlern die weltweit größte wissenschaftliche Erprobung des QLPSD mit Skoliose-Patienten. Erstmals wurden nicht nur vorrangig Jugendliche, sondern auch Erwachsene bis ins hohe Alter systematisch untersucht.

"Ergibt die Auswertung des Fragebogens auffällig hohe Belastungswerte, sind Nachfragen angebracht. Gegebenenfalls sollte eine weitere Diagnostik und eine entsprechend angepasste Behandlung folgen, beispielsweise auch eine psychologische Unterstützung", sagt Meinald Thielsch. "Gerade ältere Patienten sowie Patienten mit schweren Skoliosen berichten über höhere Beeinträchtigungen der Lebensqualität aufgrund ihres Rückenleidens. Der QLPSD hilft, das Ausmaß abzuschätzen und die betroffenen Bereiche der Lebensqualität zu identifizieren."

Die Studienergebnisse wurden kürzlich in der Fachzeitschrift "European Spine Journal" online veröffentlicht. Die Untersuchungen sind Teil eines Kooperationsprojekts der Betriebseinheit "Beratung und Fortbildung für Organisationen" in der Fachrichtung Psychologie der WWU Münster mit Medizinern um Prof. Dr. Tobias Schulte, seit 2016 Direktor der Universitätsklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am St. Josef-Hospital in Bochum und zuvor Leiter der Sektion Wirbelsäule in der Klinik für Allgemeine Orthopädie und Tumororthopädie am Universitätsklinikum Münster. Die Forschungen zum QLPSD wurden bereits 2016 mit dem Nachwuchspreis der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft geehrt.

Link zur Studie

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